Salzburger Religionstriennale 2013

Das gefährliche Wissen der Religionen:
Religiöse Risikoszenarien und theologische Risikobearbeitung

Religionen verfügen über ein eigenes Wissen von Gott. Es bildet sich in den lehrförmigen Inhalten und gelebten Grundsätzen der Religionen ab und setzt sich in den Überzeugungswelten ihrer Gläubigen durch. Das gilt in besonderer Weise für die Offenbarungs- und Schriftreligionen Judentum, Christentum und Islam. In ihrer historischen Verwandtschaft und ihren religiösen Beziehungen, die sich in den intertextuellen Bezügen zeigen, werden die Unterschiede der jeweiligen Gottesbestimmungen prägnant. Das schließt Interpretationsstreit ein und kann zu Religionskonflikten führen, die nicht nur nach außen hin geführt werden, sondern auch im Innenraum der religiösen Traditionen auftreten. Wie von Gott zu sprechen und wie in seinem Namen zu handeln sei, bringt das gefährliche Wissen von Gott zu Tage. Umgekehrt verfügen diese Religionen auch über Möglichkeiten, diese Risiken zu bearbeiten und sogar zu kontrollieren. „Ambiguitätstoleranz“1 , also Mehrdeutigkeiten auszuhalten, und theologische Differenzkompetenz, also die Fähigkeit, abweichende Gottesbestimmungen auszutragen, sowie Relativierungsbereitschaft, also die Offenheit, die Herausforderungen alternativer Gottesbestimmungen produktiv zu machen – diese Kompetenzen finden sich in Judentum, Christentum und Islam theologisch reflektiert wieder und haben eine eigene Geschichte religiöser Toleranz ermöglicht. Einen Anhaltspunkt finden sie systematisch in der geteilten Einsicht in die Unverfügbarkeit Gottes wie in den Rückkoppellungen der Offenbarungen Gottes an seine Verborgenheit, die im Zeichen sogenannter negativer Theologien stehen, wie sie im Horizont spätantiker Theoriekonstellationen für die monotheistischen Religionen Bedeutung gewannen2

Vor diesem Hintergrund soll der erste Teil der Religionstriennale das gefährliche Wissen der Religionen vorstellen und analysieren, um mit auftretenden Risikoszenarien zugleich Instrumente einer theologischen Risikobearbeitung zu diskutieren.

Die Referenten bearbeiten zum einen aus der jeweiligen Religionszugehörigkeit heraus und zum anderen mit spezifischen religionswissenschaftlichen Perspektiven das religiöse Wissen ihrer Religionen mit dem besonderen Blick auf ihre Risikoambivalenzen. Zusätzlich werden begleitende Expertisen eingeführt, die sich als Kommentare zu den jeweiligen Triennal-Teilen verstehen (religionswissenschaftlich, theologisch, rechtsphilosophisch).

---

 

  1.   Vgl. Thomas Bauer, Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams, Berlin 2011, 26-53.
  2.   Vgl. Guy G. Stroumsa, Das Ende des Opferkults. Die religiösen Mutationen der Spätantike, Berlin 2011;  Angelika Neuwirth, Der Koran als Text der Spätantike. Ein europäischer Zugang, Berlin 2010.